„Eine kleine Kommunikation, die zur Würde des Menschen gehört“

Sich der Armen und Ausgegrenzten anzunehmen, das gehört für Christen zum Kern ihres Glaubens. Was bedeutet diese christliche Grundhaltung der Annahme konkret? Sich um jemanden kümmern, für ihn da sein und für ihn sorgen, das heißt auch: Ihn so annehmen wie er ist. Auch bei Mangel an Hygiene. Beim Frühstück für Obdachlose und Bedürftige im Franziskustreff wird das Annehmen der Armen jeden Tag aufs Neue geübt.


Veröffentlicht: Franziskustreff Jahresbrief 2016/2017 (Print)


Veröffentlicht: hr1 „Start“ & hr-iNFO „Himmel und Erde“, 12. März 2017 (Radio)


Morgens um 7:45 Uhr im Innenhof der Liebfrauenkirche. Schon seit einer halben Stunde stehen etwa 20 Männer und Frauen in einer Reihe vor einer großen hellen Holztür. „Franziskustreff“ steht in Großbuchstaben an der Wand. Einige haben Rucksäcke dabei, Isomatten und Schlafsäcke, tragen dicke Jacken. Manche haben die Nacht auf der Straße verbracht. Endlich öffnet sich die Tür. Im Türrahmen steht ein Hüne im braunen Mönchsgewand mit kurzem grauem Vollbart und Brille: Der Kapuzinermönch Bruder Paulus Terwitte. Er strahlt freudig in die Runde.

Die Hand reichen als Bruder

Mit einem festen Händedruck und einem herzlichen „Guten Morgen!“ begrüßt Bruder Paulus seine Gäste persönlich an der Tür. Erst dann suchen sich alle einen Platz an einem der Tische in dem langen engen Raum. Die persönliche Begrüßung ist hier eine alte Tradition. Schon Bruder Wendelin, der Gründer des Franziskustreff hat die Gäste so willkommen geheißen.

Doch es steckt noch mehr dahinter, sagt Bruder Paulus: „Der Handschlag ist ein kleines Zeichen dafür, dass wir wirklich diesen Menschen entgegen kommen wollen und ihnen die Hand reichen wollen. Sich den Armen annehmen heißt nämlich zuerst einmal, dass ich ihnen nicht helfen will, sondern dass ich ihr Bruder sein will.“

Im Frühstücksraum duftet es nach frisch gebrühtem Kaffee. Und es ist ziemlich laut: Stühle werden hervorgezogen, Geschirr klappert, die Männer und Frauen begrüßen einander und unterhalten sich. Haupt- und ehrenamtliche Helferinnen bedienen die Gäste am Tisch. Es gibt Kaffee und Brot, wahlweise eine Wurst- oder Käseplatte und Marmelade. Jede Bestellung wird einzeln aufgenommen und serviert.

Himmel auf Erden

Die Bedienung der Gäste am Tisch ergibt sich für Bruder Paulus aus seinem christlichen Glauben. Sein Vorbild ist Jesus, über den es im Lukas-Evangelium heißt: „Er wird sich gürten und wird sie am Tisch bedienen.“ (Lk 12, 37) „So wollen wir auch unsere Gäste bedienen, denn wir halten den Franziskustreff für ein kleines Stückchen Himmel auf Erden, wenigstens für die Dreiviertelstunde, in der unsere Gäste bei uns Platz nehmen dürfen. Wir kommen ihnen entgegen und sie müssen dem nicht nachlaufen.“ Diese Freigiebigkeit ist auch im Sinne der vielen Wohltäterinnen und Wohltäter, die durch ihre Spenden den Franziskustreff hauptsächlich finanzieren.

Die Gäste selbst zahlen für das Frühstück jeweils 50 Cent. Viele von ihnen haben diesen Betrag am Tag vorher eigens dafür gesammelt und behütet. Die 50 Cent wirken für Bruder Paulus wie ein Gastgeschenk. Alle sollen selbst einen Beitrag leisten. Dadurch entstehe ein ganz wichtiges Gefühl: „Ich bin hier angenommen. Und deshalb komme ich denen entgegen, die mir diese Annahme schenken. Ich bekomme etwas und ich gebe eine Anerkennung zurück. Das ist eine wunderbare kleine Kommunikation, die zur Würde des Menschen gehört.“

Den Geruch in der Nase haben

Dazu gehört auch, die Menschen von der Straße auch dann zu empfangen und beim Frühstück zu bedienen, wenn es einem selbst ab und zu schwer fällt. Es koste die Hauptamtlichen und 45 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer im bisweilen schon etwas Überwindung, sagt Bruder Paulus, „die manchmal ungewaschenen Hände, ungepflegten Gesichter, ungepflegte Kleidung in der Nase zu haben und zu berühren. Auf der anderen Seite wird dadurch die Grundhaltung deutlich, die den Franziskustreff auszeichnet: „Diese Berührung und dieses in-der-Nase-Haben sind unsere Art und Weise, den Menschen zu sagen: Ihr könnt erst einmal voraussetzungslos zu uns kommen.“

So wie sind, dürfen die Menschen zum Frühstück kommen. Allerdings ist es Bruder Paulus wichtig, den Gästen auch manchmal zu sagen, dass es ihm schwerfällt, wenn sie die Angebote für Körperhygiene in anderen Einrichtungen nicht wahrnehmen. Er sagt ihnen dann: „Wissen Sie, ich will Ihnen so gerne nahe sein, aber es fällt mir gerade sehr schwer, denn Ihr Geruch steigt mir in die Nase.“Auch für ihn als Christen, sagt Bruder Paulus, gehöre es zur Wahrheit dazu, „dass ich meine eigene Unfähigkeit erkenne, jemanden anzunehmen, auch in der Beziehung auch zu den Armen.“

In solchen Fällen bittet Bruder Paulus die Gäste, nach dem Frühstück zur St. Elisabeth Straßenambulanz (ESA) zu gehen, wo sie sich duschen und neue Kleidung bekommen können. Dann sind sie auch am nächsten Morgen wieder als Gäste zum Frühstück herzlich willkommen.